Aktuell AktuellFeuilleton FeuilletonHintergr¸nde Hintergr¸nde

Deutsch-amerikanische Harmonie-Rituale
Antiamerikanismus
Manchmal wie im Feindesland
Von Heinrich Wefing

29. Juni 2004 Am südlichen Ende der Berliner Friedrichstraße, kurz bevor sie die Leipziger Straße kreuzt, liegen sich die Filialen zweier Kaffeehausketten wie Rivalen gegenüber.

Auf der einen Straßenseite lockt ein Ableger des Berliner "CafÈ Einstein", auf der anderen zischen die Espressomaschinen des amerikanischen Milchschaum-Imperiums "Starbucks". Diese deutsch-amerikanische Konfrontation hat natürlich keine politischen, sondern allein wirtschaftliche Gründe, und der trennende Boulevard ist beileibe nicht so breit wie der Atlantik. Und doch fällt es dieser Tage schwer, keine symbolische Handlung darin zu wittern, wenn Jeffrey Gedmin vom Aspen Institute Berlin sich ganz selbstverständlich für das "Starbucks" entscheidet.

Manchmal wie im Feindesland: Jeffrey Gedmin

Der große, laute Raum des Franchise-CafÈs ist an vielen Nachmittagen so etwas wie Gedmins Büro. Hier, in der trubeligen Mitte, nicht in der Aspen-Villa draußen am Wannsee, knüpft der Direktor des Instituts zur Förderung der transatlantischen Beziehungen seine Gesprächsfäden, pflegt Kontakte und sucht einige der Fetzen, die im letzten Jahr zwischen Berlin und Washington geflogen sind, wieder zusammenzufügen.

Tiefe Dissonanzen

Das ist keine leichte Sache, trotz all der Normalitätsbekundungen der vergangenen Wochen. Die Versöhnungsgesten des Juni, die ausgestreckten Hände über den Gräbern der Normandie, beim Treffen der G 8 auf Sea Island und nun beim Nato-Gipfel in Istanbul, können das Fortbestehen tiefer Dissonanzen kaum überdecken. Die Harmonie-Rituale, zu denen sich Bush und Schröder bequemten, gleichen Pflastern über Wunden, in denen noch das Blut pocht.

Nein, sagt Jeffrey Gedmin, er glaube nicht, daß Amerika und Deutschland nach dem beispiellosen Streit des vergangenen Jahres schon wieder im partnerschaftlichen Alltag angekommen seien. An der Asymmetrie der Machtverhältnisse, an den Unterschieden bei der Gefahreneinschätzung und der Bereitschaft, militärische Mittel einzusetzen, hat sich ja nichts geändert. Und das Mißtrauen der Deutschen, die von Haß mitunter kaum zu unterscheidende Abneigung gegen die Regierung Bush sind nach den Bildern aus Abu Ghraib vollends explodiert.

Eruption des Antiamerikanismus

Über die Eruptionen des Antiamerikanismus, die er in den letzten anderthalb Jahren in Deutschland erlebt hat, ist Gedmin immer noch erschüttert. Er habe, weil er öffentlich den Einmarsch im Irak befürwortete, haßerfüllte E-Mails zuhauf bekommen, "nicht zehn, nicht zwanzig, sondern sehr, sehr viele". Fremde haben ihn auf offener Straße angehalten, um ihm erregt mitzuteilen, sie würden nie, nie, nie wieder nach Amerika reisen.

Bisweilen muß sich Gedmin wie in Feindesland gefühlt haben. Da mag es schon erholsam sein, in die tiefen Sessel bei "Starbucks" zu sinken und sich in dem weltweit standardisierten Ambiente des CafÈs fast wie daheim in Chicago, Atlanta oder Washington zu fühlen. Freilich macht Gedmin durchaus keinen resignierten Eindruck. Im Gegenteil, er beteuert, gern in Deutschland zu leben. Und in seinen Beiträgen für deutsche und amerikanische Blätter demonstriert er eine Lust am Disput, die für den Chef eines Instituts zur Förderung der Völkerverständigung nicht gerade selbstverständlich ist.

Deutsche Denkfaulheiten

Gedmin, der William Kristol und Robert Kagan, die publizistischen Vordenker der Neokonservativen in Amerika, zu seinen Freunden zählt, ist einer der polemischsten, witzigsten und hartnäckigsten Kritiker deutscher Illusionen und Denkfaulheiten. Er klagt über den verbreiteten Mangel an außenpolitischen Kenntnissen hierzulande; die deutsche Wirtschaft agiere global, aber die Politik komme kaum über das Regionale hinaus.

Gedmin spottet über die Michael-Moore-Liebe der Deutschen, dessen Bücher und Filme hier wie Offenbarungen rezipiert werden. Und er kann es kaum fassen, wie viele Menschen der Verschwörungstheorie anhängen, nicht Usama Bin Ladin habe die Attentate vom 11. September 2001 eingefädelt, sondern die CIA.

Paradox deutscher Außenpolitik

Nur wenige Amerikaner, die in Berlin von Amts wegen die Freundschaft mit Deutschland fördern, formulieren so spitz wie der Leiter des Aspen-Instituts. Aber wenn man sich ein wenig in der verzweigten Gemeinde der Transatlantiker, der amerikanischen Diplomaten, Kulturvermittler, Journalisten umhört, dann trifft man bei aller Kritik an Bush auch auf große Skepsis gegenüber den deutschen Positionen.

Richard Bernstein, der Korrespondent der "New York Times", zum Beispiel ist weniger über das Aufflammen des Antiamerikanismus überrascht; das sei eine Konstante des linken europäischen Denkens und nicht nur des linken: das einzige, worüber schon Sartre und de Gaulle einig gewesen seien. Europäer neigten von jeher dazu, Amerikaner für kulturlos, vulgär und materialistisch zu halten, und es sei lediglich Bushs Verdienst, dieses Ressentiment auch bei Liberalen und Konservativen befördert zu haben.

Stets das sittlich Richtige wollen

Viel stärker als solche Klischeebilder irritiert Bernstein das Paradoxon der deutschen Außenpolitik, stets das sittlich Richtige zu wollen, sich zuverlässig auf die Seite von Moral und Gerechtigkeit zu schlagen, ohne selbst aktiv zu werden. Wie Schröder nach einer UN-Resolution für den Irak zu rufen, doch sogleich die Entsendung deutscher Soldaten auszuschließen, das sei das "Privileg der Machtlosen". Diese Politik garantiere, daß alles, was Deutschland wolle oder sage, irrelevant bleibe.

Selbst ein geschmeidiger Kommunikator wie Gary Smith, Direktor der "American Academy" in Berlin, attestiert den Deutschen intellektuelle Kurzsichtigkeit und eine Neigung zur Selbsttäuschung. Er spricht von Vergangenheitsfixierung und einer Tendenz zum Hypermoralismus, der sich vor allem im Israel-"Mobbing" der deutschen Medien manifestiere. Was immer Scharon vorschlage, werde für falsch gehalten: eben weil es von Scharon komme.

ARD und ZDF wie „Fox News”?

Ein ähnlich harsches Urteil über die Ausgewogenheit der europäischen Fernsehanstalten fällte unlängst ein Berater des demokratischen Senators Joseph Biden, des wichtigsten Außenpolitikers der amerikanischen Opposition: In kleinem Kreis erwähnte er die Irak-Berichterstattung von ARD, ZDF und BBC in einem Atemzug mit "Fox News", dem vorsätzlich tendenziösen Hofsender von Präsident Bush.

Es ist schon erstaunlich, wie distanziert, ja fremd die atlantischen Alliierten einander betrachten. Aus der Kälte der Blicke spricht eine Skepsis, die sich nicht allein als Kollateralschaden des Irak-Krieges deuten läßt. Was genau aber das Trennende ausmacht, ist schwer zu sagen. Auch die professionellen Freundschaftsstifter in Berlin tun sich mit einer Antwort nicht leicht.

Mars und Venus

Viele verweisen, auch mangels besserer Erklärungen, auf Robert Kagans Formel, die Amerikaner stammten vom Mars, die Europäer von der Venus, womit das fundamental unterschiedliche Erlebnis des Zweiten Weltkriegs diesseits und jenseits des Atlantik eingefangen ist - hier Zusammenbruch der Zivilisation, dort Sieg der Demokratie, mit allen Folgen für die Einigung Europas, den Aufbau kollektiver Sicherheitssysteme und die Einschränkung nationaler Souveränität. Anderes kommt hinzu.

Richard Bernstein von der "New York Times" spricht, sichtlich zögerlich, von dem tiefsitzenden Konservativismus Europas, vom Unbehagen an Veränderungen aller Art und der Zuneigung zum Status quo, der eine auf Wandel zielende, nicht selten aggressive Außenpolitik wie die der Amerikaner per se suspekt erscheinen müsse. Und womöglich steckt hinter dieser Stilfrage noch mehr: ein fundamentaler transatlantischer Dissens darüber nämlich, was den Westen ausmacht.

Europa bekommt Konkurrenz

Angesichts der wechselseitigen Verspannungen und des Mißtrauens auf beiden Seiten kennen all die transatlantischen Institutionen, die es in Berlin seit den Tagen des Kalten Krieges gibt, derzeit keine Langeweile. Neben Aspen und der "American Academy" weben die "Atlantik-Brücke", der "German Marshall Fund", die "Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik", die Amerika-Häuser, das "Transatlantic Outreach Program" des Goethe-Instituts und viele andere an den Netzen, die die Trümmer der deutsch-amerikanischen Freundschaft auffangen sollen.

Aber auch die Netzwerker selbst stehen auf schwankendem Grund. Denn sie konkurrieren nicht nur untereinander um Stipendiaten, Sprecher und Sponsoren; wesentlich härter noch ist der Wettbewerb der Berliner Vermittler mit anderen Multiplikatoren, die Amerikas Einfluß in Asien, Osteuropa oder dem arabischen Raum befördern wollen. In dieser Konkurrenz spiegelt sich das beständige Ringen von "Atlantikern", "Arabisten" und "Asiaten" in den Dienststellen und Denkfabriken Washingtons um die Definitionsmacht über die amerikanische Außenpolitik. Und es ist längst nicht ausgemacht, daß das "atlantische" Establishment dabei stets die Oberhand behalten wird.

Verschobene Koordinaten

Die relative Bedeutung Europas in der Welt ist gesunken, jedenfalls aus amerikanischer Sicht. Nicht wegen des Streits über den Irak-Krieg allein. Vielmehr haben sich mit dem Ende des Kalten Krieges und den Anschlägen vom 11. September 2001 die strategischen Koordinaten verschoben.

Der Publizist Thomas Donnelly, Mitarbeiter des konservativen "think tanks" American Enterprise Institute, hat jüngst einen Text mit dem provozierenden Titel "Learning to Live without Europe" ("Lernen, ohne Europa zu leben") veröffentlicht, in dem er den Vereinigten Staaten nahelegt, alle transatlantische Nostalgie fahrenzulassen und sich statt dessen auf die zukünftigen Herausforderungen in China und Arabien zu konzentrieren.

Nur noch zum Umsteigen in Europa

Und Jeffrey Gedmin erzählt von einem Bekannten im State Department, der ihm gesagt habe, er fliege nur noch nach Europa, um hier das Flugzeug zu wechseln und nach Asien oder in den Nahen Osten weiterzureisen. Eine Tendenz zur politischen Marginalisierung des Alten Kontinents, die sich mit dem geplanten Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland weiter beschleunigen dürfte. Noch ist gar nicht abzusehen, wie sehr sich die Beziehungen lockern werden, wenn nicht mehr Generationen von GIs Stuttgart oder Heidelberg als Heimat auf Zeit erleben.

Nichts, sagt Gary Smith, verstehe sich künftig noch von selbst. Man könne sich weder darauf verlassen, daß Deutschland und Amerika natürliche Partner seien, noch darauf, daß die Vereinigten Staaten sich darum bemühten, ihre Außenpolitik auch der Weltöffentlichkeit zu erläutern. An die Stelle der traditionellen "public diplomacy" Washingtons sei unter Bush ein "Vakuum" getreten, meint Smith. Aber er, der umtriebige Optimist, betrachtet dieses Ende der Selbstverständlichkeiten auch als Chance. Viele, die bislang auf die Unerschütterlichkeit der deutsch-amerikanischen Freundschaft vertrauten, hätten nun begriffen, daß sie selbst aktiv werden müßten.

Allen voran Gary Smith. Rasch hat er, der ehemalige Walter-Benjamin-Forscher, seine anfangs eher kulturell ausgerichtete "Academy" um eine politische Sparte erweitert. Er gründete ein "Foreign Policy Forum" und organisierte gleich mehrere Treffen zwischen hochrangigen amerikanischen und deutschen Nahost-Experten. Vielleicht sind dabei tatsächlich ein paar neue Ideen entstanden. Weitaus wichtiger aber scheint es dieser Tage, überhaupt miteinander zu sprechen. Das richtige Thema wird sich dann hoffentlich finden.


Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.06.2004, Nr. 148 / Seite 35
Bildmaterial: dpa
Artikel-Service 
Fenster schließen
Artikel drucken
© F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2004
Dies ist ein Ausdruck aus www.faz.net