Davidson Sommerinstitut 2009
Lyrik soll nicht nur gelesen werden, sie will auch vorgetragen, gesungen, vertont werden. Ihr soll zugehört werden.
Unsere Lieblingsgedichte
Youtube-Kanele
[Bob]
Johann Wolfgang Goethe, "Wanderers Nachtlied II"
Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh'
In allen Wipfeln
Spuerest Du
Kaum einen Hauch;
Die Voegelein schweigen im Walde
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.
[Patricia]
Ernst Jandl, ottos mops
ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso
otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft
ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott
[aus: Ernst Jandl, Der künstliche Baum & Flöda und der Schwan (luchterhand, e.j. poetische Werke, Band 4), S. 60]
[Michael]
Heidenröslein
J.W. Goethe
Sah ein Knab’ ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell es nah zu sehn,
Sah’s mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: „Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden.“
Röslein sprach: „Ich steche dich,
Dass du ewig denkst an mich,
Und ich will’s nicht leiden.“
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach
´s Röslein auf der Heiden.
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Musst es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
[Robin]
Der König von Thule
J.W. Goethe
Es war einst ein König in Thule,
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
einen goldnen Becher gab.
Es ging ihm nichts darüber,
Er leert' ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
So oft trank er daraus.
Und als er kam zu sterben,
Zählt' er seine Städt' im Reich,
Gönnt' alles seinen Erben,
Den Becher nicht zugleich.
Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem Vätersaale
Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensglut
Und warf den heil'gen Becher
Hinunter in die Flut.
Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken tief ins Meer.
Die Augen täten ihm sinken,
Trank nie einen Tropfen mehr.
[John]
Huldigung
Hermann Hesse
Schöne, Liebe, die du alle Klagen
Meiner ruhelosen Seele stillst,
Alles Schwere will ich gerne tragen,
Wenn nur du mich nicht verlassen willst.
Meiner heissen Jugend Flammen steigen
Jeden Tag zu einem wilden Brand,
Um sich dankbar und beglückt zu neigen
Einem Winke deiner weissen Hand.
[Tahira]
Ballade des äußeren Lebens
Hugo von Hoffmansthal
Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
Und alle Menschen gehen ihre Wege.
Und süße Früchte werden aus den herben
Und fallen nachts wie tote Vögel nieder
Und liegen wenig Tage und verderben.
Und immer weht der Wind, und immer wieder
Vernehmen wir und reden viele Worte
Und spüren Lust und Müdigkeit der Gleider.
Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen,
Und drohende, und totenhafte verdorrte...
Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen
Einander nie? und sind unzählig viele?
Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?
Was frommt das alles uns und diese Spiele,
Die wir doch groß und ewig einsam sind
Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?
Was frommts, dergleichen viel gesehen haben?
Und dennoch sagt der viel, der "Abend" sagt,
Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
Wie schwerer Honig aus dem hohlen Waben.






